„Mobilität stellt ein Grundbedürfnis der Menschen dar und hat auch im Alter einen hohen Stellenwert“

 

Forschungsprojekt

 

Mobilität hat auch im Alter einen hohen Stellenwert, denn sie ist eng verknüpft mit Autonomie und Lebensqualität. Im interdisziplinären BMBF-geförderten Forschungsprojekt „RABE“ wird für die langzeitstationäre Pflege ein intelligenter Rollator mit verschiedenen Funktionen entwickelt. Dieser stärkt nicht nur die Bewohner in Pflegeheimen in ihrer Autonomie, sondern entlastet auch die Pflegekräfte.

 

RABE – Intelligenter Rollator für die stationäre Pflege zur Autonomie der Bewohner*innen und Entlastung der Pflegekräfte

 

Projekthintergrund und Zielsetzung

 

Mobilität stellt ein Grundbedürfnis der Menschen dar. Selbstständige Bewegung ermöglicht es, unabhängig Bedürfnisse erfüllen und soziale Kontakte pflegen zu können. Der Rollator ist ein Hilfsmittel, der aus dem pflegerischen Alltag kaum noch wegzudenken ist. Im RABE-Projekt wird ein intelligenter Rollator speziell für die stationäre Langzeitpflege entwickelt, um den Bewohnern der Pflegeheime ein weitgehend autonomes Leben zu ermöglichen und gleichzeitig Pflege- und Betreuungskräfte zu entlasten. Im Verbundprojekt arbeiten Partner interdisziplinär zusammen, um den Rollator an den Bedürfnissen und Bedarfen zukünftiger Nutzer auszurichten. Für die nutzerzentrierte Entwicklung sind neben den Bedürfnissen der Pflegeheimbewohner auch die der Pflegekräfte, Therapeuten und Hilfsmittelanbieter von großer Relevanz.

 

Funktionen des intelligenten Rollators

 

Durch einen eingebauten Elektromotor unterstützt der RABE-Rollator beim Bewältigen längerer Strecken, beim Überwinden von Gefälle und erleichtert den Transport von Zuladung (z. B. Einkäufe). Durch entsprechende Sensorik soll der Rollator darüber hinaus auch autonom kurze Strecken zurücklegen können. Diese Funktion dient primär der Sturzprophylaxe. Wenn ein Bewohner beispielsweise nachts die Toilette aufsuchen muss und der Rollator nicht in Griffweite ist, kann das Gerät selbsttätig zum Bett heranfahren.

Mit der Analyse von Anomalien im Gangmuster der Benutzer kann der Rollator erkennen, wann sich die allgemeine physiologische Verfassung verändert, um so z. B. Stürzen vorzubeugen oder das Pflegepersonal zu benachrichtigen. Da das Gangmuster sich von Person zu Person stark unterscheiden kann, werden maschinelle Lernverfahren eingesetzt, mit deren Hilfe der Rollator ein Modell für das Gangmuster der Benutzer erlernt.

 

Der RABE-Rollator verfügt zudem über eine Indoor-Navigation für die Pflegeeinrichtung und den Außenbereich, welche für Bewohner mit Orientierungsproblemen hilfreich ist sowie über ein Kommunikationstool und einer Lokalisierungsfunktion.

 

Nutzerzentrierte Entwicklung des RABE-Rollators – Bedarfe und Bedürfnisse als Ausgangpunkt

 

Anforderungsanalyse

 

Zu Projektbeginn wurde eine Anforderungsanalyse mit Bewohnern, Pflegekräften und Experten (Physiotherapeuten, Reha-Beratern) mithilfe leitfadengestützter Interviews und Fokusgruppen durchgeführt, um die Bedarfe aus den unterschiedlichen Perspektiven zu erfassen. Die Analyse der empirischen Daten ergab, dass bspw. eine automatische Sturzerkennung und das Absetzen eines Notrufs von allen Nutzergruppen als sehr sinnvoll erachtet wurde. Auch der elektrische Antrieb und das autonome Fahren wurde als gewinnbringend eingeschätzt, jedoch mit dem Vermerk, dass die Unterstützung wohl dosiert sein sollte, um langfristig keine technische Abhängigkeit zu erzeugen. Eine integrierte Indoor-Navigation wurde nur für neue Bewohner oder kognitiv beeinträchtigte Personen als nutzbringend eingeschätzt. Die neuen technischen Funktionen wurden auf Grundlage der Anforderungsanalyse interdisziplinär und iterativ von den technischen Projektpartnern entwickelt. Im weiteren Projektverlauf galt es die einzelnen Funktionen aus sozial- und pflegewissenschaftlicher Perspektive im Rahmen von Nutzertests zu evaluieren und weiterzuentwickeln.

 

Nutzervorstudien I – Umsetzung des elektrischen Antriebs

 

Ende des Jahres 2018 fand die erste Nutzervorstudie mit Bewohnern des kooperierenden Pflegeheims statt, um Erkenntnisse über die Funktionseignung sowie Stärken und Schwächen der Umsetzung des elektrischen Antriebs zu erlangen. Insgesamt nahmen fünf Bewohner an der Antriebstestung teil. Alle Teilnehmer nutzen bereits seit geraumer Zeit einen Rollator zur Unterstützung im Alltag. Es wurden zwei Prototypen-Modelle mit unterschiedlichen Antriebskonzepten (Art der Antriebs- und Pedelec-Modi inkl. Bedientasten, Vorder- oder Hinterradantrieb) getestet. Die Prototypen wurden in verschiedenen Anwendungssituationen innerhalb und außerhalb des Heimes sowie mit unterschiedlichen Geschwindigkeitsmodi von den Bewohnern erprobt. Die „Erprobung“ wurde durch teilnehmende Beobachtungen und leitfadengestützte Interviews begleitet.

 

Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer vor allem das Gehen in der Ebene und das Bergaufgehen mit den elektrisch angetriebenen Rollatoren als positiv wahrgenommen haben. Des Weiteren brachte die Untersuchung die Erkenntnis, dass die Geschwindigkeitseinstellung nachjustiert werden musste, da bei einzelnen Passagen das Tempo der Rollatoren zu zügig im Vergleich zur Ganggeschwindigkeit der Nutzer war. Die Rollatoren-Modelle wurden basierend auf den Ergebnissen dieser ersten Nutzerstudie weiterentwickelt.

 

Nutzervorstudien II – Umsetzung des elektrischen Antriebs

 

Die zweite Nutzervorstudie verfolgte das Ziel, detaillierte Erkenntnisse zur Antriebsfunktion des weiterentwickelten Rollators zu gewinnen. Der Rollator wurde von drei Bewohnern des kooperierenden Pflegeheims mehrere Tage lang genutzt. Dadurch konnte eine möglichst natürliche Situation geschaffen und den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben werden, sich an den Rollator zu gewöhnen. Die methodisch-geschulte Pflegedienstleitung begleitete die Bewohner zeitweise bei der Benutzung des elektrisch angetriebenen Rollators, fertigte für jeden Bewohner ein Beobachtungsprotokoll an und führte anschließend jeweils ein leitfadengestütztes Interview durch.

 

Aus den Ergebnissen wird deutlich, dass die Vorteile des elektrischen Antriebs insbesondere im Outdoor-Bereich, z. B. bei Steigungen und schlechter Wegbeschaffenheit wie Kies und Kopfsteinpflaster, zum Tragen kommen. Das Handling wurde von den Bewohnern zu Beginn als anspruchsvoll erlebt, jedoch trat hier nach längerer Nutzungszeit ein Gewöhnungseffekt ein. Aufgrund kurzer Wege im kooperierenden Pflegeheim wurden die Vorteile im Indoor-Bereich als marginaler eingeschätzt.

 

Experteninterview – Analyse zum integrierten Gangbild für Menschen mit Morbus Parkinson

 

Das Experteninterview hatte zum Ziel, die Expertise von Physiotherapeuten einzuholen, um relevante Fragen zur Weiterentwicklung der integrierten Gangbildanalyse für Personen mit Morbus Parkinson zu klären.

 

Die Experten schätzen das Potential der Funktion für die (post-)stationäre Rehabilitation sowie zur Unterstützung bewegungstherapeutischer Maßnahmen als sehr sinnvoll ein. Zudem könnte auf Basis eines Nutzerprofils eine Propulsion (Fallneigung nach vorn) und damit Sturzgefahr erkannt und mit dem Rollator gegengesteuert werden. Außerdem könnten Parkinson-Patienten durch eine Erkennung des Freezing of Gait („Einfrieren des Gangs“) von individuell angepassten Hilfsreizen (z. B. visuelle oder akustische Cues) profitieren.

 

Nutzervorstudie III – Testing der Navigations- und Kommunikations-App

 

Die Nutzervorstudie verfolgte das Ziel, die verschiedenen Anwendungsmodule der App mit den Pflegeheimbewohnern zu erproben, um neue Erkenntnisse für deren Weiterentwicklung zu sammeln. Ein erstes Kennenlernen der App fand im Rahmen einer Gruppeneinführung mit den Bewohnern statt. Daran schloss sich die Feldtestung im Outdoor-Bereich an, welche anschließend mittels leitfadenbasierter Einzelinterviews reflektiert wurde. Die Vorstudie wurde interdisziplinär mit dem technischen Projektpartner durchgeführt und mittels teilnehmender Beobachtung dokumentiert.

 

Die Erprobung verdeutlichte, dass vor allem visuelle Informationen, wie bspw. die digitale Wegekarte mit Landmarken, bei der Navigation als sehr hilfreich bewertet wurden. Zusätzlich könnten Sprachausgaben die Navigation unterstützen. Auch das automatische Erkennen eines Sturzes und selbstständige Absetzen eines Notrufs wurde als relevant eingeschätzt. Auch hier wurde der Wunsch formuliert, dass die Möglichkeit bestehen sollte, die Sturzerkennung mittels Sprache zu bestätigen oder diesen Vorgang abzubrechen. Eine differenzierte Akzeptanz zeigte sich hinsichtlich der Ortungsfunktion durch Pflegekräfte oder Angehörige.

Forschungsprojekt RABE